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Unison MUSIC vs. WAR

Der Kommentar

Als die Musik laufen lernte - und ein Philips EL 3300 mir "den Tag gemacht hat"

Von Ralph  L o r e n z

Vor 60 Jahren hat sich die Kompakt-Kassette in die Gehörgänge eingeschmeichelt. Es war die Zeit als die Musik laufen lernte. Mit tragbaren Abspielgeräten, die auch finanziell tragbar waren.

Also in DM gerechnet, gerade so. Denn der Philips EL 3300 mit beigelegtem Mikrophon und praktischer Umhängetasche hat immerhin 300 Mark gekostet. Der Inhaber vom Elektroladen in Gerlingen hatte sich einen von der Messe bestellt und war überrascht, dass ich den High-Tech-Recorder auch schon kannte und genau den bestellen wollte. Als junger Volontär der Leonberger Kreiszeitung. 300 Mark, das war damals bei Monatslöhnen von knapp 700 Ocken sehr sehr viel Geld. Für mich aber war es 1966 gut angelegt. Schon mein erster Einsatz war der Kracher. An einem Samstag Abend hatte der Reit- und Fahrverein in Leonberg im „Schwarzen Adler“ seine Jahreshauptversammlung. Mit Hürdenspringen. Ein Vorstandsmitglied stand schwer unter Beschuss.

Fortsetzung von Seite 1

 

„Hugo, pass auf, Du wirst abgeschossen‘“ – so oder  ähnlich lautete am Montag die Schlagzeile in der Lokalzeitung, für die ich damals arbeitete.

Ein 150-Zeilen-Aufmacher mit vielen Dialogen. Vierspaltig. Überschrift 28 Punkt, Schrifttyp Helvetica oder Neue Haas Grotesk. Mein Metteur hat mit schiefem Grinsen und flinker Hand im Winkelhaken die Überschrift aus den Bleibuchstaben des Setzkasten zusammengestellt. "Junge, da haste aber einen losgelassen."

Die Leser hatten das Gefühl, unmittelbar dabei gewesen zu sein.

Denn ich hatte die wichtigsten Vorwürfe und Verteidigungsreden „mitgeschnitten“. Aus der dicht gedrängten Versammlung heraus. In guter Qualität. Die ganze Atmosphäre „kam rüber“, als Originaldialog.

Mit all den Unverschämtheiten, die man sich in vereinsinternen Machtkämpfen an den Kopf wirft. Fights, die zuweilen an grausame Käfigkämpfe erinnerten.

Am Montag saß der Verleger, mit seiner  Zigarre am Schreibtisch und war mit hochrotem Kopf in der Lektüre vertieft. Kollege Hoppe, die rheinische-frankophile Frohnatur in der Redaktion, hat mich angegrinst, anerkennend mit den Augen gezwinkert, die filterlosen Gauloises lässig im Mundwinkel. Das war für mich wie ein Ritterschlag.

Dann hörte ich die Stimme unserer Empfangsdame: „Herr Lorenz, Sie sollen bitte nach vorne kommen“!  "Da ist der Vorstand vom Reitverein persönlich, schnell". Ich war mir nicht so sicher, ob das eine gute Nachricht war.

Der Mann war ein VIP in der Stadt. Vereinsinterne Streitigkeiten hatten sie sonst immer unter sich ausgemacht. Weil das angeblich niemanden interessierte, schon gar nicht die Leser ihrer geliebten Heimatzeitung „LKZ“. Die Vorgänge, die niemals in den staubtrockenen Schriftführerprotokollen erscheinen würden. Weil sie angeblich nichts zur Sache tun würden. Was nicht notiert wurde, war nicht passiert.

Und jetzt war ich in der Versammlung aufgetaucht. Das junge Gesicht. Einer, von dem man nicht wusste auf welcher Seite er stehen würde. Mit diesem komischen neuen Ding von Philips als Gedächtnisstütze.

Ich hatte also über Sachen geschrieben, die man zwar hört, aber nicht unbedingt schreibt. Es war ein Tabubruch.

Die Zigarre - Marke Weiße Eule - im Verlegerzimmer hatte inzwischen den ganzen Raum eingenebelt. Damals gab es noch keine Rauchmelder und Sprinkleranlagen. Feuerwehrleute wissen, dass bei dieser Qualmdichte rein physikalisch ein explosionsartiges „Durchzünden‘“ unmittelbar bevorstehen würde. Zumal bei diesem angeschwollenen heißen Verlegerkopf, der auch mit asthmatischem Keuchen zuweilen die Telefongespräche der Redaktion mitgehört hatte.

Also bog ich im Tiefflug um die Ecke, sah den Vorstand vom Reitverein mit den Hufen scharren – und war geflasht. Der riss nämlich die Arme hoch, „Lorenz, ach Lorenz – Sie sind die Rettung, geben Sie mir Ihre Aufzeichnung, das Tonband, bitte, bitte“. Und nach einer Kunstpause: „Mein Anwalt, der braucht das jetzt! Der kann was damit anfangen.“

Aus der Nebelwand im Chefredakteurszimmer kam ein Hustenanfall mit hörbar aus der Tiefe der Atemwege rasselnder Loslösung der Schleimmasse.

„Make my Day“ – der Philips-Recorder hat mir schon beim ersten Einsatz den journalistischen Erfolg gebracht.

Und Hoppe winkte mir vom anderen Ende des Ganges aus dem Redaktionszimmer spastisch zu, den Telefonhörer in der Hand: „Die „Stuttgarter Nachrichten“ wollen deine Geschichte vom Reitverein übernehmen, die finden das zum Wiehern“.

Wochen später begegnete ich "Jussuf B.", einem einstigen Klassenkameraden aus der Hauptschule, der plötzlich auch Reporter werden wollte und angeblich ein tolles Angebot hatte.

Der saß mit eingeübt schwermütigem Blick auf der Bank an der Bushaltestelle - es war die Zeit der Pariser Existenzialisten - weil er wusste, dass das bei den Mädchen in den kürzer werdenden Röcken gut ankommt und spielte aus einem Philips Kassettenrekorder: „I can't get no satisfaction“.

Zweimal, dreimal, viermal – und das Band wurde immer langsamer, Töne zogen und dehnten sich aufgrund geschwächter Batterie wie Kaugummi „Eiiiiiih cäääähhhnnnnt geet noooooouuu“. Jussuf hat dazu im Stones-Rhythmus gestöhnt, die Augen verdreht, mit pubertärem Fläumchenbart in jungen Jahren schon hart vom Leben gezeichnet. Und zugeschaut, wie die jungen Mädchen in den mini Röckchen lasziv wie das Strand-Girl von Ipanema in den Bus hochstiegen. In aufreizender Zeitlupe.

Ja, die Batterien als Energiespender waren mit ihren Schwächeanfällen damals noch ein Problem. „…oooh, ooh, oooh“.

Cause I try, and I try, and I try, and I try…

 

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