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Eine weitere Sensation aus grauer Vorzeit:

Der 300.000 Jahre alte Elefant, der ein Niedersachse war

Dienstag 19. Mai 2020 - Schöningen / Tübingen (wbn). Heia Safari. Im niedersächsischen Schöningen haben sich vor 300.000 Jahren Elefanten getummelt. Und das nicht zu knapp.

Aus der altsteinzeitlichen Grabungsstelle wurden in den vergangenen Jahren Fossilien von mindestens zehn Elefanten geborgen. Nun haben Archäologen vom Senckenberg-Zentrum für menschliche Evolution und Paläoumwelt der Universität Tübingen in Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege erstmals ein nahezu vollständiges Skelett eines eurasischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) freigelegt. Das Tier starb am damaligen Seeufer von Schöningen ‒ was genau geschah und wie die Umgebung vor 300.000 Jahren beschaffen war, rekonstruiert das Team nun durch Analysen und weitere Grabungen.

(Zum Bild: So könnte es ausgesehen haben, als die Menschen den Kadaver des Elefanten entdeckten. Zeichnung: Benoît Clarys)

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Die ersten Erkenntnisse werden im Fachmagazin Archäologie in Deutschland veröffentlicht und wurden am heutigen Dienstag bei einer Pressekonferenz mit dem niedersächsischen Wissenschaftsminister Björn Thümler in Schöningen präsentiert.

„Die Kooperation mit Senckenberg und der Universität Tübingen trägt reiche Früchte.

Vor wenigen Wochen erregte eine Studie zu einem in Schöningen entdeckten 300.000 Jahre alten Wurfstocks  international Aufmerksamkeit.

Nun folgt eine weitere Sensation: Der Fund des fast vollständig erhaltenen Skeletts eines Waldelefanten zusammen mit den Spuren hier lebender und jagender Frühmenschen. Dies unterstreicht einmal mehr, um welch einen spannenden und wissenschaftlich bedeutenden Fundort es sich handelt“, sagt Wissenschaftsminister Björn Thümler.

„Der ehemalige Tagebau Schöningen ist ein Klimaarchiv ersten Ranges, das uns in einzigartiger Weise vorführt, wie sich Klimaschwankungen auswirken. Dies muss künftig noch deutlicher herausgearbeitet werden. Ein Ort, an dem nachverfolgt werden kann, wie der Menschen vom Naturbegleiter zum Kulturgestalter wurde.“

Das Elefantenskelett sei, wie die meisten Funde in Schöningen, außerordentlich gut erhalten, erklärt Dr. Jordi Serangeli, Ausgrabungsleiter in Schöningen. „Wir haben die 2,3 Meter langen Stoßzähne, den Unterkiefer, zahlreiche Wirbel und Rippen sowie Knochen von drei Beinen und sogar alle fünf Zungenbeine.“ Das Skelett sei an einer Stelle geborgen worden, an der sich vor 300.000 Jahren das Seeufer befunden habe, je nach Jahreszeit mit wechselndem Wasserspiegel.

Die Knochen des Elefanten erzählen eine eigene Geschichte: Nach der ersten Analyse handelt es sich um ein älteres, wahrscheinlich weibliches Tier mit stark abgenutzten Zähnen, wie der Archäozoologe Ivo Verheijen erklärt. „Das Tier hatte eine Schulterhöhe von ca. 3,2 Metern und ein Gewicht von ca. 6,8 Tonnen – es war somit grösser als heutige afrikanische Elefantenkühe.“

Vermutlich starb es aus Altersgründen und ohne Einwirkung durch Menschen. „Elefanten halten sich oft am und im Wasser auf, wenn sie krank oder alt sind“, sagt Verheijen. „Allerdings zeigen zahlreiche Bisspuren auf den Knochen, dass sich nach seinem Tod Raubtiere am Kadaver bedienten.“ Auch hätten die damaligen Menschen profitiert: Dies beweisen ca. 30 Absplisse von Feuersteinen, die das Team im Umkreis und zwischen den Elefantenknochen fand. Zudem stieß es auf zwei Langknochen, die den Spuren nach zu urteilen, als Werkzeuge genutzt wurden. „Die Steinzeitjäger schnitten vermutlich Fleisch, Sehnen und Fett aus dem Kadaver.“

Verendete Elefanten dürften für den damaligen Homo heidelbergensis eine vielfältige Nahrungs- und Materialquelle gewesen sein. Zwar seien die Menschen der Altsteinzeit schon erfolgreiche Jäger gewesen, sagt Serangeli, „aber nach den derzeitigen Daten bestand für sie kein zwingender Grund, ausgewachsene Elefanten zu jagen und sich dabei in Gefahr zu bringen.“ Waldelefanten gehörten für sie selbstverständlich zu ihrer Umgebung, und sie dürften gewusst haben, dass diese immer wieder am Seeufer starben.

Dass am Schöninger See zahlreiche Artgenossen des Elefanten unterwegs waren, beweisen Fußabdrücke, die rund 100 Meter von der Grabungsstelle entfernt dokumentiert werden konnten. Ein bisher einmaliger Fund in Deutschland, wie Flavio Altamura von der Universitá Sapienza in Rom erläutert, der die Spuren analysierte. „An dieser Stelle muss eine kleine Herde, Erwachsene und jüngere Tiere, durchgelaufen sein. Die schweren Tiere liefen auf nassen Seesedimenten, parallel zum Seeufer. Ihre Füße hinterließen im Schlamm kreisförmige Abdrücke mit einem maximalen Durchmesser von 60 Zentimetern.“

Aus der Fundstelle Schöningen im Landkreis Helmstedt konnten bereits viele Erkenntnisse über Flora, Fauna und das Leben der Menschen vor 300.000 Jahren während der Reinsdorf-Warmzeit gewonnen werden. Das damalige Klima war vergleichbar mit dem heutigen, die Landschaft jedoch viel reicher an Wildtieren. Rund 20 Großsäuger lebten damals im Umfeld des Schöninger Sees, darunter nicht nur Elefanten sondern auch Löwen, Bären, Säbelzahnkatzen, Nashörner, Wildpferde und weitere Huftiere. „Der Reichtum an Wildtieren ähnelte dem des heutigen Afrika“, sagt Serangeli.

Unter anderem wurden in Schöningen einige der ältesten Funde eines Auerochsen in Europa, ein Wasserbüffel und drei Säbelzahnkatzen ausgegraben. Dank sehr guter Erhaltungsbedingungen in wassergesättigten Seeufersedimenten konnten zudem die weltweit ältesten vollständigen Jagdwaffen geborgen werden: Zehn hölzerne Speere sowie mindestens ein Wurfstock. Bearbeitete Stein- und Knochenwerkzeuge runden das Gesamtbild zu den damaligen Lebensumständen ab. „Die Seeufersedimente von Schöningen bieten einmalige Erhaltungsbedingen und geben uns stets wichtige und sehr detaillierte Einblicke in das kulturelle Verhalten des Homo heidelbergensis“, sagt Professor Nicholas Conard, Leiter des Forschungsprojektes Schöningen.

Die Knochen der Elefantenkuh und die Steinabsplisse werden von Ivo Verheijen und Bárbara Rodríguez Álvarez, Doktoranden im Forschungsprojekt Schöningen, untersucht und von Anna-Laura Krogmeier im Forschungs­museum Schöningen restauriert. Dort können Besucher die Funde bereits jetzt besichtigen. Weitere detaillierte Analysen zu den Umwelt- und Klimabedingungen zum Zeitpunkt des Todes finden an der Technischen Universität Braunschweig, der Universität Lüneburg und der Universität Leiden (Niederlande) statt. Finanziert werden die Ausgrabungen in Schöningen durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

(Zum Bild: Der vordere Körperteil des Waldelefanten. Foto: Jens Lehmann, Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpfleg)

(Zum Bild: Blick über die Ausgrabungen in Schöningen Foto: Jordi Serangeli, Forschungsstation Schöningen)


 

 

 

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